Der Dresdner Verkehrsplaner Anatoly Arkhipov ist Amateur-Weltmeister im Grappling.
Dresden. Als Anatoly Arkhipov nach der Weltmeisterschaft wieder an seinen Arbeitsplatz beim Wegebund in Dresden zurückkehrt, wartet dort eine Überraschung auf ihn. Auf seinem Schreibtisch steht eine Torte mit der Aufschrift „Unser Champion Anatoly“, Luftschlangen schmücken den Computer. Seine Kollegen hatten seine Kämpfe zuvor im Livestream verfolgt und mitgefiebert. Normalerweise beschäftigt sich Arkhipov als Verkehrsplaner mit dem Radverkehr in sächsischen Kommunen. Doch nach Feierabend beginnt für ihn ein zweites Leben: Dann trainiert der Dresdner Grappling. Und das so erfolgreich, dass sich Arkhipov inzwischen Amateur-Weltmeister nennen darf. Grappling ist eine Form des Bodenkampfs, bei der Schläge und Tritte verboten sind. Stattdessen versuchen die Athleten, ihren Gegner mit Würfen, Halte-, Hebel- oder Würgetechniken zu kontrollieren und zur Aufgabe zu zwingen. Die Sportart verbindet Elemente aus Ringen, Judo und Brazilian Jiu-Jitsu – und verlangt neben Kraft vor allem Technik, Timing und taktisches Gespür. Ganz ungefährlich ist das nicht. „Was passieren kann: Man schläft ein“, sagt Arkhipov. Bei bestimmten Würgegriffen wird die Blutzufuhr zum Gehirn so stark eingeschränkt, dass ein Kämpfer kurzzeitig das Bewusstsein verlieren kann. Meist gibt der Unterlegene jedoch vorher durch Abklopfen auf und signalisiert damit seine Aufgabe. Wie wichtig Technik im Vergleich zu reiner Kraft ist, zeigte sich gerade im WM‑Finale.
Arkhipov brachte 101,6 Kilogramm auf die Waage, sein Gegner 122 Kilogramm. „Ich war der Leichteste in meiner Gewichtsklasse“, sagt der Dresdner. Trotzdem setzte er sich durch – gegen einen Mann, der mehr als 20 Kilogramm schwerer war. Für Arkhipov ist genau das eine der Besonderheiten seines Sports. Kraft spiele zwar eine Rolle, entscheide einen Kampf aber nicht allein. Wer technisch besser ist, Bewegungen des Gegners früh erkennt und im richtigen Moment reagiert, kann auch einen deutlich schwereren Kontrahenten bezwingen. Das Grappling-Team, für das Arkhipov startet, gehört zum Judoverein Arashi Dresden. Seit 2016 ist der 35-Jährige dort aktiv. Als Siebenjähriger kam er mit seinen Eltern aus Russland nach Deutschland. Später probierte er verschiedene Kampfsportarten aus, doch keine faszinierte ihn so sehr wie Grappling. Mit Beginn seines Verkehrswirtschaftsstudiums an der TU Dresden im Jahr 2022 intensivierte Arkhipov sein Training noch einmal. Sein wichtigster Trainingspartner und zugleich Mentor ist Thomas Geisler. Auf den ersten Blick wirkt das Duo ungewöhnlich: Der 53- Jährige ist fast 40 Kilogramm leichter als Arkhipov. Doch gerade beim Grappling sagt Körpergewicht wenig darüber aus, wer technisch überlegen ist. Fast täglich trainieren beide bei Geisler zu Hause im Keller und feilen an Griffen, Bewegungsabläufen und neuen Techniken. „Wir schauen uns Lehrvideos von den weltbesten Grapplern an und üben dann stundenlang neue Techniken“, sagt Geisler. Er vergleicht das mit dem Erlernen einer Sprache: „Je größer der Technik Wortschatz ist, desto gefährlicher ist man als Kämpfer.“
Arkhipovs Geheimwaffe ist ein gedrehter Fußhebel, mit dem er viele Gegner vorzeitig zur Aufgabe zwingt. „Nur wenige gehen so ins Detail wie wir“, sagt Geisler, der selbst nicht an Wettkämpfen teilnimmt. Umso akribischer bereitet er seinen Trainingspartner auf Meisterschaften und Turniere vor. Neben dem täglichen Techniktraining besucht Arkhipov dreimal pro Woche das offene Training in seinem Verein. Mitte September stand dann der bisherige Höhepunkt seiner Karriere an. In Krakau wurde die Amateur-Weltmeisterschaft unmittelbar vor den ADCC World Professional Championships ausgetragen. Die ADCC-Wettbewerbe gehören zu den renommiertesten Veranstaltungen im Grappling, bei denen Athleten aus der internationalen Spitze antreten. „Auf der gleichen Bühne wie die Profis zu stehen, war sehr besonders. Die Halle mit den vielen Zuschauern war überwältigend“, sagt Arkhipov.
Insgesamt 1500 Teilnehmer waren bei der Amateur-WM dabei, darunter sieben Sachsen. Bei der Auslosung hatte Arkhipov Glück: Durch ein Freilos zog der dreimalige deutsche Meister direkt ins Finale der schwersten Gewichtsklasse über 99 Kilogramm ein. Dort traf er auf einen polnischen Vize-Weltmeister. Der Dresdner startet in der Disziplin NoGi, einer Variante des Grapplings, bei der ohne den traditionellen Kampfanzug, den Gi, gekämpft wird. Stattdessen tragen die Athleten Shirts sowie kurze oder lange Hosen. Im Finale brauchte Arkhipov gerade einmal eine Minute und 22 Sekunden, um seinen Gegner mit einem gedrehten Fußhebel zur Aufgabe zu zwingen. Als einziger der sieben sächsischen Starter gewann Arkhipov einen Titel. Zugleich ist es der bislang größte Erfolg seiner Karriere.
Doch der 35-Jährige denkt bereits weiter. „Nach dem Titel bei den Amateuren könnte ich mir vorstellen, mal bei den Profis zu starten. Außerdem will ich mein Wissen gern an die nächste Generation weitergeben“, sagt er. Auch sportlich ist sein Weg noch nicht zu Ende. Arkhipov trägt derzeit den braunen Gürtel, nur der schwarze fehlt ihm noch. Und nach dem WM-Titel bei den Amateuren reizt ihn ohnehin die nächste Herausforderung: sich irgendwann auch mit den Profis zu messen.